Der Littré: Dictionnaire de la langue française

Einst galt der Littré als das Referenzwörterbuch der Franzosen

Mit über 250.000 Zitaten der größten französischen Autoren stellt der Littré eines der besten Wörterbücher des Französischen im 19. Jahrhundert dar.

Das Wörterbuch des Sprachlaien Emile Littré aus dem 19. Jahrhundert rückte einst das Wörterbuch der Académie française in den Schatten. Obwohl dieses selbst 1835 in der sechsten und bisher besten Ausgabe erschien, war der "Littré", wie er nur noch kurz bezeichnet wird, bedeutend informativer und auch als Bildungswerkzeug nützlich. Während andere Wörterbücher als das von Emile Littré selektiv waren, nahm er Wörter aus verschiedenen Sprachbereichen auf und unterstützte deren Gebrauch mit Zitaten großer französischer Autoren.

Emile Littré: Von der Medizin zur Sprache

Am 01. Februar 1801 in Paris geboren, wächst Emile Littré gut behütet in seiner Familie auf. Sein Vater war Schüler Voltaires und seine Mutter Protestantin, eine fortschrittliche Erziehung war ihm demnach gegönnt. Er studiert nach seiner Jugend Medizin und arbeitet eine ganze Zeit lang als Arzt, bis ihm seine anderen Leidenschaften, die Philosophie und die Sprache, bewusst werden. So übersetzt er Werke von Hippokrates in deutlich kritischer Manier. Als ihm schließlich 1840 der Lehrstuhl für Medizingeschichte angeboten wird, lehnt er diesen ab, da er die Öffentlichkeit meiden möchte. Ein Jahr später, 1841, gründet er sein erstes sprachbezogenes Projekt: es geht um die Verfassung eines etymologischen Wörterbuchs. Er lässt dieses bei seinem Freund Christophe Hachette, der ein aufgeklärter und erfolgreicher Verleger ist, veröffentlichen. Leider hat das Werk aber nicht den gewünschten Erfolg und Emile Littré sucht sich ein neues Vorhaben.

Ein Wörterbuch in der Tradition der Gebrüder Grimm

Nachdem das erste Wörterbuch zur französischen Etymologie misslungen war, setzte sich Littré ein anderes Ziel vor Augen: er wollte ein Wörterbuch schreiben, so wie jenes der Gebrüder Grimm zur deutschen Sprache. Dieses heißt "Deutsches Wörterbuch der Brüder Grimm" und wurde, 1852 veröffentlicht, zu einem "Nationalwörterbuch" des Deutschen. Für Littré war dieses Werk von Jakob und Wilhelm Grimm ein Beweis des Verlangens nach geschichtlicher Information, der den Geist seines Jahrhunderts prägt.

In den Jahren seit 1841 arbeitet er nun an dem Wörterbuch, das ihn die Berühmtheit bringen wird. Es erscheint zwischen 1863 bis 1872 als "Dictionnaire de la langue française" in vier Bänden. 1877 folgt noch ein Ergänzungsband. In diesem umfangreichen lexikographischen Werk hat Littré laut eigener Aussage in seinem Vorwort alle Wörter aufgelistet, die auch das Wörterbuch der Académie française von 1835 aufführt. Darüber hinaus findet der Leser aber auch noch Teile des Fachvokabulars, regionale Ausdrücke und schichtenspezifisches Französisch. Diese Ausweitung des Vokabulars ist ungewöhnlich, da im 19. Jahrhundert vor allem Wörterbücher geschrieben wurden, die sich auf einen Bereich der französischen Sprache, sei es die Geschichte, der gehobene Stil oder nur Fachvokabular, bezogen.

Im Zeichen des Positivismus

Eine wichtige Einflussgröße auf die lexikographische Arbeit Emile Littrés ist der Positivismus, der auf den französischen Soziologen Auguste Comte (1798-1857) zurückgeht und in dem es darum geht, nur die real gegebenen Erscheinungen zu beachten und keine Spekulationen einzugehen. In diesem Sinne führt Emile Littré entsprechende historische Recherchen zu den einzelnen Begriffen durch. So meint er, die Vollständigkeit des Französischen erwachse aufgrund von Archaismen, Neologismen und dem zeitgemäßen Gebrauch.

Keine Qualität mehr ab 1830 in der Literatur

Was Emile Littré aber unter dem zeitgemäßen Gebrauch versteht, wird schon seit langer Zeit kritisiert. Bereits seine lexikographischen Nachfolger, Paul Robert und Pierre Larousse, bestreiten die Zeitspanne, die er setzt.

Für ihn sind die großen und bedeutenden Autoren im 17. Jahrhundert zu finden. Dieser als "klassisches Jahrhundert" bezeichnete Zeitraum stellt in der französischen Literatur und Kultur über alle folgenden Jahrhunderte hinweg den Bezugspunkt dar und kann nicht ausgenommen lassen. Doch Littré setzt das Ende der "großen Autoren" bereits 1830 fest. Nach diesem Zeitpunkt aber veröffentlichen Schriftsteller wie Balzac, Hugo, Flaubert und Zola ihre Werke und können auch aus heutiger Sicht nicht in ihrer Bedeutung für das Französische gemindert werden. Littré sieht jedoch ab 1830 einen "bedenklichen Qualitätsverfall".

Der Aufbau eines Artikels

Nach dem Lemma, also dem alphabetisch sortiertem Begriff, der nachgeschlagen werden soll, findet man zunächst die Aussprache in eckigen Klammern. Darauf erfährt man die wörtliche Bedeutung des Begriffs. Diese ist aber jene Bedeutung, wie das Wort im 17. Jahrhundert im Allgemeinen verstanden wurde. Im Anschluss daran folgen in immer weiter von der wörtlichen Bedeutung wegführend, die weiteren Bedeutungen und Gebrauchsweisen des Begriffs, eben so, wie es in heutigen Wörterbüchern auch der Fall ist. Als letzten Hinweis schließen die Zitate der großen Autoren des Französischen den Artikel. Diese entstammen in der Mehrheit den Werken der Schriftsteller des klassischen 17. Jahrhunderts. Mithilfe der wörtlichen Bedeutung und den Autorenzitaten kann so der Sprachstandard des 17. Jahrhunderts auf die Leser des 19. Jahrhunderts übertragen und die Norm erhalten bleiben.

Bis heute spielt der "Littré" eine bedeutende Rolle für die Franzosen, obwohl es zahlreiche aktuelle Wörterbücher wie den "Petit Robert" oder den "Larousse" gibt, und so ist es nicht verwunderlich, dass man ihn auch im Internet zu Rate ziehen kann.

Quelle:

Klare, Johannes: „Französische Wörterbuchkultur“, in: Scharnhorst, J.: "Sprachkultur und Lexikographie: von der Forschung zur Nutzung von Wörterbüchern", Frankfurt. S. 26-72. 49,80 €

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